SkateIN-Magazin – Interview mit Leyla Nemati

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INTERVIEW: LEYLA NEMATI, JOSEF RIEFERT

Leyla Nemati, sehbehinderte Speedskaterin und Josef Riefert, Pilotfahrer, im Gespräch mit skate-IN

über Mut, blindes Vertrauen und ganz besondere Momente

skate-IN: Wir sind total stolz, dass wir euch beide beim Test hier begrüßen dürfen. Leyla, vielleicht erzählst du uns ein bisschen was von dir…

Leyla Nemati:  Mit 10 Jahren sind meine Augen erkrankt. In der Netzhaut sind ganz kleine Blutgefäße, dort findet der Stoff­wechsel statt. Bei mir ist es so, dass die Blutge­fäße noch feiner, noch enger sind, dadurch ist der Stoffwechsel gestört. Da hilft leider keine Brille, keine Operation. Als Kind habe ich sehr gut gesehen und nach und nach sind die Augen schlechter geworden. Zur Erblindung wird es nicht führen, lt. meinem Augenarzt sehe ich jetzt weniger als 10 %. Dadurch dass ich mal gut gesehen habe, meine Familie und super Freunde habe, komme ich im Alltag eigentlich sehr gut zurecht. Ich gehe sehr oft fort, bin unterwegs und keiner merkt, dass ich sehbe­hindert bin. Ich habe eine ganz andere Fähig­keit meine Umgebung wahrzunehmen und zu reagieren. Und natürlich entwickelt man auch immer wieder Strategien, wie komme ich wo zurecht. Mit dem Tandem habe ich letztes Jahr Mallorca umrundet und Skifahren tue ich auch. Beim Skifahren brauche ich keinen direk­ten Begleitfahrer, der Schnee ist hell und wenn die Sonne scheint, reicht es, wenn jemand ca. 10 m vor mir fährt. Dann fahre ich einfach hinterher.

skate-IN Dann bist du aber auch schon von Kindesbeinen an sehr sportlich …

Leyla Nemati: Ja, eigentlich schon immer, meine Eltern haben sich auch immer beschwert …

skate-IN Bist du in Deutschland geboren?

Leyla Nemati: Nein, ich bin in Shiraz geboren, das ist eine sehr schöne Stadt im Iran und bin mit 14 Jahren nach Deutschland gekommen. Meine ältere Schwester hat hier in Deutschland gelebt, das war vielleicht ein Grund für meine Eltern, mich nach Deutschland zu schicken, in der Hoffnung, dass es hier in Europa bessere Methoden gibt, um meine Augenkrankheit zu behandeln. Gibt es aber leider nicht.

skate-IN: Spannend ist jetzt zu erfahren, wie du zum Inlineskaten kamst und wie du den Josef kennengelernt hast?

Leyla Nemati: Ich habe alles gemacht, Basket­ball, Volleyball. Volleyball geht jetzt leider gar nicht mehr. Inlineskaten habe ich auch schon immer gemacht, zuerst in der Wohnung, dann auf der Straße und hinter einem Fahrradfahrer her. Und einmal hat eine Freundin zu mir gesagt, komm mit zum cSc nach Langenfeld. Das habe ich gemacht und jemanden aus dem Raum Köln kennengelernt, den Wolfgang. Er ist dann als mein Pilot gefahren und hat gemerkt, dass ich gut fahren kann. Dann hat er mich einfach zum Mittelrhein-Marathon angemeldet. Und auf dem Weg nach Koblenz war der Josef dann in unserer Clique mit im Zug und hat mitbekommen, dass ich für dieses Rennen eigentlich einen Begleitfahrer brauche. Und er hat sich spontan angebo- ten und hat gesagt, ich nehm‘ dich mit. Eine halbe Stunde vor dem Start haben wir zwei, drei gemeinsame Runden gedreht. Ich habe ihm sagen müssen, was mir wichtig ist: Gulli- Deckel, rechts/links Kurve. Und das hat super geklappt. Und seitdem organisiert Josef alles

Josef Riefert: Als wir uns in dem Zug begrüßt und die Hand gegeben haben, da war da irgendetwas. Leyla hat das auch so empfunden. Ja und ich habe dann gesagt, wir versuchen das. Dadurch, dass ich früher Eis­hockey gespielt habe, habe ich eine ziemlich stabile Fahrweise. Was hinter mir ist, kann ich auffangen. Also ist Leyla hinter mir gefahren. Mittlerweile ist es so, dass die Art hinterein­ander zu fahren auch von anderen übernom­men wurde, weil es viel einfacher ist. An dieser Stelle muss man aber auch sagen, dass ich das alles nicht alleine organisieren kann. Ich mache das sehr gerne, es ist sehr viel Arbeit. Aber es gibt viele, die uns wirklich unterstützen. Beim Mittelrhein-Marathon lässt uns der Oliver Engel immer in einem eigenen Startblock starten, hier sind wir Deutschen Rekord im Halbma­rathon und im Marathon gefahren. 1 Stunde und 40 Minuten, d. h. im Schnitt 25 km/h. Und das gleich beim ersten Mal. Nach dem Erfolg sind wir auch in Köln gestartet. Das war das Highlight. Der WDR ist direkt mit eingestiegen und hat uns begleitet. Ab diesem Zeitpunkt war es dann für uns auch deutlich leichter, Unterstützung zu bekommen. 2011 habe ich bei Facebook gesehen, dass Samsung Sportler mit einer besonderen Geschichte sucht. Leicht­sinnig wie ich bin, habe ich Leylas Geschichte einfach mal rein geschrieben. Weihnachten haben wir dann eine Nachricht bekommen, dass wir in der engeren Auswahl für Fackel­läufer für die Olympischen Spiele in London sind. Und unmittelbar vor unserem nächsten Mittelrhein-Marathon haben wir erfahren, dass wir tatsächlich auserwählt wurden, die Olympische Fackel zu tragen.

Nemati:  Ja, 2012 haben wir eine Mail aus London bekommen:

Dear Leyla, congratula­tions, you will carry the Olympic flame! Das war Wahnsinn. Und dann sind wir mit der Gruppe von Samsung für 4 Tage nach London geflogen. Und die Fackel habe ich noch zuhause, die durfte ich behalten.

skate-IN: Wie funktioniert das, wenn ihr zusammen fahrt?

Josef Riefert: Ich fahre ganz normal, habe aber eine gehobene Haltung, damit ich hinten absichern kann. Und die Leyla passt sich mir besser an als umgekehrt.

Leyla Nemati: Bei mir ist es so, dass ich ange­wiesen bin auf das, was mir Josef vorher­sagt. Da fühle ich mich total sicher. Er sagt „Rechtskurve“ oder beim Köln Marathon auch „Schiene“ und natürlich auch „Gulli-‚Deckel“, das sind wichtige Faktoren bei einem Straßen­rennen. Und ansonsten unterhalten wir uns unterwegs auch ganz normal.

Josef Riefert: Ich muss weit vorausschauen. Die nahen Hindernisse muss ich komplett ansagen, am besten immer zwei Meter vorher. Es kommt schon vor, wie leider auch gestern, dass Leyla mir in den Rücken fällt. Das kann ich aber immer festhalten. Bezüglich meines Trainings muss ich sagen, dass ich schon etwas mehr trainieren muss. Ich bin 54 Jahre alt, um so fit zu sein, dass ich für Leyla, die 38 Jahre ist, als Pilot fahren kann. D. h. ich muss vor den Rennen fünfmal in der Woche trainieren. Es ist schon zeitaufwendig, die ganzen Veran­staltungen immer anzuschreiben. Mittlerweile habe ich eine größere Gruppe, das JR Racing Team, das hilft bei der Vermarktung und auch der Organisation.

skate-IN: Du betreust neben Leyla auch noch jemand anderen, der ebenfalls sehbehindert ist?

Josef Riefert: Ja, und zwar ist das auch jemand, der aus dem Bildungszentrum für Seh­behinderte und Blinde aus Nürnberg kommt. Khristo Dimov ist 16 Jahre alt und gemeinsam mit ihm und Leyla bin ich letztes Jahr den Köln Marathon gelaufen, also mit zwei Sehbehin­derten. In Oberschleißheim werde ich am 13. Juli die 100 km zusammen mit Khristo bei der Deutschen Meisterschaft fahren.

Leyla Nemati: Zum Nürnberger Verein, dem 1. FC Nürnberg Roll- und Eissport e. V. wollte ich gern noch sagen, dass die eine kleine Speedskating-Mannschaft für Sehbehinderte und Blinde haben, die regelmäßig trainiert. Das macht Volker Springhart, der ehern. Internatsdirektor der Blindenschule, der selber auch Speedskater ist. Da sind wir sehr dankbar, dass wir so unterstützt werden. Denn wir brauchen immer Begleitfahrer und in unserem Verein findet sich immer jemand, der als Pilot einen Blinden oder Sehbehinderten begleiten kann.

skate-lN: Wo würdest du dir noch mehr Unter­stützung wünschen, wo siehst du bei aller Unter­stützung noch Defizite?

Leyla Nemati: Unser größtes Problem ist nach wie vor Begleitfahrer sprich Piloten zu finden. Da wünsche ich mir, dass es mehr Freiwillige gibt, die da gerne mithelfen wollen. Und es wäre toll, wenn Blindenschulen in anderen Städten auch mal Inlineskaten anbieten würden und wir so auf den Meisterschaften mehr Teilnehmer hätten. Noch ein paar mehr Sponsoren wären auch nicht schlecht.

Josef Riefert: Wobei ich da einhaken möchte, wir haben von Anfang an zwei sehr treue Spon­soren, das ist Powerslide mit dem Jürgen Pfitzner und der Premium Reifenservice Dienst mit Jürgen Feil.

skate-lN: Wie viel Mut braucht ein Pilot, um sich zuzutrauen zusammen mit einem Sehbehinderten oder Blinden zu skaten?

Leyla Nemati: Ganz wichtig ist, dass man sich persönlich kennt bzw. kennenlernt. Der Pilot muss auf jeden Fall ganz stabil sein, sehr gut fahren können und sehr viel Mut haben. Aber zu ernst darf er es auch nicht nehmen, denn letztendlich geht es um Spaß und heil ankom­men.

Josef Riefert: Man muss dem Partner vertrauen können, wie in einer Ehe. Man kann es wort­wörtlich nehmen, man muss blind vertrauen, sonst geht das nicht. Wenn eine Unsicherheit entsteht, das überträgt sich komplett. Grund­sätzlich passt sich der Blinde oder der Sehbe­hinderte beim Skaten aber dem Piloten an. Das können die viel besser, weil sie das auch gelernt haben. Das musste ich auch erst lernen. Leyla kümmert sich um mich, was sie natürlich zu viel macht lacht…

Interview: Gaby Junginger