Erlebnisbericht einer blinden Skaterin

Ein Bericht übers Skaten aus der Sicht einer blinden Inlineskaterin

Guten Tag, mein Name ist Martha Kosz. Ich wohne in Nürnberg Langwasser und besuche seit 13 Jahren die Schulen des Bildungszentrums für Blinde und Sehbehinderte in Nürnberg. Seit meiner Geburt bin ich vollblind. Durch meine Blindheit gibt es natürlich das eine oder andere kleine Problem, aber trotzdem habe ich mich nie davon abhalten lassen, meinen Körper in Bewegung zu halten. Hier im Bildungszentrum für Blinde wird mir ein breitgefächertes Programm verschiedenster Sportarten angeboten. Doch irgendwann hatte ich alles einmal ausprobiert und wollte etwas Interessanteres, etwas Aufregenderes, etwas Abenteuerlicheres machen, als die normalen Sportarten für Blinde.

Ich hatte von Freunden erfahren, dass momentan eine neue Sportart immer mehr im kommen ist, das Skaten. Nach einer kurzen Diskussion mit meiner Mutter und meinem Vater: „Oh Gott mein Kind, wenn dir da was passiert, wenn du hinfällst…“ hatte ich sie doch davon überzeugt, dass ich schnellstens ein Paar von diesen heißen Rollern brauchte. Ein paar Tage später sind wir dann auch in ein Sportgeschäft gefahren und haben mir ein Paar Inliner gekauft. Nach dem ich die Schuhe, die auf der Unterseite vier hintereinander angeordnete kleine Räder haben, ausgiebig abgetastet hatte, habe ich sie mir sofort angeschnallt. Am Anfang bin ich erst ein bisschen an der Hand von meiner Mutter durch die Gegend, na ja, mehr gegangen als gefahren. Doch mit der Zeit hatte ich immer mehr den Kniff raus, wie ich mich richtig mit den Skates bewegen muss und meine Mutter wurde mir schnell zu langsam.

Als ich meine neuen Sporterlebnisse in meiner Gruppe in der Blindenanstalt erzählte, wurde mir gesagt, dass unser Heimleiter, Herr Springhart, ebenfalls schon einige Zeit auf den Inlinern steht. Da habe ich mich sofort am nächsten Tag mit ihm in Verbindung gesetzt und habe ihn gefragt, ob er mir noch ein paar Tipps geben könnte, wie ich noch sicherer auf den Skates werde. Anfangs habe ich mit ihm immer in den großzügigen Kellerfluren des Internates geübt. Dort brachte er mir das Skaten immer näher. Er hat mich dort in geschützter Umgebung langsam auf die wesentlich gefährlichere aber für mich mittlerweile auch wesentlich interessantere Skaterei im Freien vorbereitet. Jede Verbesserung meiner Fahrtechnik und jedes Lob das ich von Herrn Springhart bekommen habe, hat mich mehr motiviert weiter zu machen. Wir haben ständig trainiert, geübt und verbessert.

Nach einiger Zeit war Herr Springhart davon überzeugt, dass ich für das Fahren im Freien genügend Übung hätte und sagte mir, dass wir das nächste Mal uns bei schönem Wetter ins Outdoor-Gelände wagen könnten. Als erstes sind wir um den Duzendteich gefahren, links rum, rechts rum. Dann hat er mich auf die Große Straße am Aufmarschgelände geschickt. Sie ist direkt hinter dem Serenadenhof. Dort habe ich mich auch das erste mal getraut allein zu fahren. Also ohne dass mich Herr Springhart an die Hand nimmt und führt, er ist natürlich neben mir gefahren und hat aufgepasst, dass nichts im Weg liegt, bzw. dass mir nichts passiert. Mit der Zeit bin ich so gut geworden, dass mir das ewige Hin-und-her-Gefahre auf der „Großen Straße“ zu langweilig geworden war.

Ich habe Herrn Springhart darum gebeten, sich doch mal etwas anders zu überlegen. Prompt kam dieser am nächsten Tag mit der Information, dass wir in drei Tagen beim Nürnberger Niteskate mitfahren werden. Schluck, oh weier, da hatte ich mir ja was eingebrockt! Drei Tage später ging’s los. Ich sag´s euch, das war ein Erlebnis, mit 40 000 Skatern auf der Straße 15 km durch Nürnberg zu rollen. Aber dabei sollte es nicht bleiben. Einige Monate später sind wir zum „capp-Sport-cup“ nach München gefahren. Nach 40 km Skatestrecke in 2 ¼ Stunden war ich echt froh, dass ich im Bett lag, aber ich freute mich insgeheim schon auf das nächste Mal!

Das Skaten möchte nicht mehr missen. Die anfängliche Hemmschwelle, einen Sport zu betreiben, der eigentlich für Sehende gemacht ist, bzw. die Angst davor, die groß war, ist geschwunden. Mit genügend Willenskraft und eigenem Engagement ist es ein Leichtes dies zu lernen. Ich kann es nur jedem Blinden empfehlen, das Inlineskaten selbst ein mal zu probieren und genauso ein tolles Gefühl, wie ich im Bauch zu haben, durch die Welt zu gleiten und sie mal ganz anders zu empfinden.

Eure Martha Kosz – Bericht von 2003